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11. Oktober 2019

Pflegeheim für die Mutter – ja oder nein?

Positive gemeinsame Herangehensweise kann helfen

Liebe Leserinnen und Leser,

ich habe viele Patienten, bei denen ein Elternteil durch körperliches Gebrechen oder z. B. durch Demenz gesundheitlich schwer angeschlagen ist. Die Frage, die sich für viele Angehörige stellt: Wäre es von mir selbstsüchtig, meine Mutter ins Pflegeheim zu geben oder wäre es nicht auch für sie das Beste?

Vor dieser Frage stehen viele Menschen mit betagten Eltern, gerade weil die Möglichkeit der modernen Medizin die Lebenserwartung immer weiter ansteigen lässt.

Einrichtungen für betreutes Wohnen und Pflegeheime bieten viele Vorzüge. Eigentlich dienen sie dazu, unsere Beziehungen zu unseren alt und pflegebedürftig gewordenen Angehörigen zu verbessern. Das Personal dort kümmert sich um die Grundbedürfnisse dieser alten Menschen, wie z. B. Ernährung, Körperpflege, medizinische Betreuung und soziale Angebote. So fühlen alte Menschen sich nicht isoliert, was sonst häufig der Fall ist, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, während des Tages das Haus zu verlassen und eigenständig etwas zu unternehmen.

Auch medizinische Hilfen lassen sich in solchen Einrichtungen besser organisieren und durchführen. Im Idealfall kann die Unterbringung in einer solchen Einrichtung eine Win-win-Situation für die eigene Mutter und für die Kinder sein. Sie wären dann von der Sorge um die körperlichen und medizinischen Bedürfnisse ihrer Mutter befreit und könnte sich ganz auf die emotionale Beziehung von Herz zu Herz konzentrieren

Jedoch gibt es auch die Schattenseiten von Pflegeeinrichtungen. Oftmals herrscht in den Heimen ein hoher wirtschaftlicher Druck und die Zuwendung des medizinischen Personals ist reduziert.

Wenn Kollegen/innen in den Heimen arbeiten, erfahren sie immer wieder, dass über die Hälfte der untergebrachten Senioren kaum Besuch bekommen. Es überrascht dann auch nicht, dass über 40 Prozent der Senioren depressive Symptome bekommen. Viele der Senioren verlieren den Antrieb, soziale Kontakte zu den Menschen in ihrer Umgebung zu pflegen. Stattdessen ziehen sie sich auf ihr Zimmer zurück, zählen die Stunden und Tage und verbringen die letzte Phase ihres Lebens auf sehr unerfüllte Art und Weise.

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Als Gesellschaft glauben wir, sehr zu unserem Nachteil, nicht länger, dass es sich lohnt, Zeit mit alten Menschen zu verbringen.

Einst wurden die Alten für ihre Weisheit und Lebenserfahrung geschätzt und geachtet. Da ein solcher Umgang mit alten Menschen aber in unserer Kultur nicht mehr üblich ist, liegt es an uns, individuell gut für unsere alten Angehörigen zu sorgen.

Ich habe für mich in einer der besten Krebskliniken in Deutschland eine Woche hospitiert. Sie zeigten mir ihre Auswertungen mit der Fragestellung, was war die Ursache für den Tumor oder Krebs? Ungefähr die Hälfte der Krebspatienten hatten Jahre vor ihrer Erkrankung Angehörige gepflegt. Ich habe selbst eine große Anzahl von Patienten, die in großer Aufopferung nahestehende Partner oder Freunde über Jahre gepflegt haben.

Diese Belastung ist enorm und wird oftmals unterschätzt. Ich hatte einmal ein sehr nachhaltiges Erlebnis. Während eines Flugs bekam ich erklärt, wie man sich bei einem Notfall zu verhalten habe. Was habe ich dabei gelernt? Zuerst muss ich die Sauerstoffmaske selbst aufsetzen und danach kann ich anderen helfen.

Ob sie nun ihre Mutter in ein Pflegeheim geben oder nicht, ist immer nur individuell zu beantworten. Wenn eine Heimunterbringung gegenwärtig für Ihre Mutter die beste Lösung wäre, würde ich gemeinsam mit ihr mehrere infrage kommende Heime anschauen, sodass sie beide ein Heim finden, in dem sie sich zu Hause fühlt.

Wenn Sie ein neues Zuhause für Ihre Mutter gefunden haben, würde ich an ihrer Stelle mein Bestes tun, optimistisch und mit guter Energie an die Sache heranzugehen.

Wichtig – lösen Sie sich davon, sich schuldig oder egoistisch zu fühlen. Werden Sie kreativ und überlegen, was kann ich tun, dass der letzte Lebensabschnitt meiner Mutter so positiv wie möglich gestaltet werden kann?

Ihr Hubert Brüderlein

(Fotos: https://de.123rf.com/ © Alexander Raths)

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