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27. Juli 2018

Wer seinen Augen traut, sieht mehr ...

Über den therapeutischen Tellerrand zu sehen, hilft Patienten wirklich weiter

Evidenzbasierte Medizin war das Thema unseres letzten Blog-Beitrags. Das klingt zunächst sehr solide und wissenschaftlich. Schauen wir uns das Wort „Evidenz“ doch einmal genauer an. Im Deutschen bedeutet „evident“, dass etwas „augenscheinlich“ ist, also keines weiteren Beweises mehr bedarf. Der einzelne Mensch darf also Situationen danach beurteilen, dass z. B. eine Handlung die gewünschte Wirkung erzielt. Im Raum ist es zu heiß – wir machen das Fenster auf – das Klima wird angenehmer.

Im Englischen ist die Sache anders gelagert. Da bedeutet „evidence“ Aussage, Zeugnis oder Beweis. Für unser Fensterbeispiel heißt das: Wir halten die Situation erst für „evident“, wenn auch andere bezeugen, dass das Öffnen des Fensters ihnen Erleichterung verschafft hat. In der evidenzbasierten Medizinanschauung hat das dazu geführt, dass wir Therapien nicht nach dem Empfinden des einzelnen, sondern nach einer Gruppe von Betroffenen ausrichten. Man nennt das „standardisieren“. Genau diesen Prozess hat die – eigentlich individuell ausgerichtete – evidenzbasierte Medizin durchgemacht. Das wäre zunächst nicht wirklich schlimm, denn es macht ja durchaus Sinn, Heilmethoden danach zu beurteilen, ob sie mehr als nur einem Menschen helfen. Die Krux, die auch Dr. Süssmuth erkannt hat, ist die Kosten-Nutzen-Relation. In der heutigen Medizin-Wirtschaft(!) geht es darum, ob ein Patient mehr Einnahmen bringt, als er Ausgaben kostet. Das bedeutet, dass kostenintensive Behandlungen wie für Schmerzchroniker der Solidargemeinschaft nicht zugemutet werden können, wenn am Ende ein Gewinn (für die Medizin-Wirtschaft) dabei herausspringen soll.

Das untergräbt allerdings den eigentlichen Gedanken der Solidargemeinschaft. Denn er bedeutet das Gegenteil, nämlich: Hilfe. Hier kann man ausnahmsweise mal Wikipedia bedenkenlos zu Rate ziehen. Hier heißt es unter dem Begriff „Hilfe“: „Hilfe ist besonders dann eine gewollte Kooperation, wenn sie das Fortbestehen eines Systems fördert. Diese als Symbiose bekannte Kooperation (Koexistenz) gleicht durch Wechselwirkung einen „allein nicht überwindbaren“ Mangel aus, ohne dabei direkt Bedingungen an dieses Handeln zu knüpfen .“

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In einem funktionierenden Gesundheitssystem können wir also nicht die Bedingung an den Patienten knüpfen, dass er „sich bezahlt macht“. Genau das forderte auch Rita Süssmuth beim Schmerz- und Palliativtag 2018: „Es kann nicht sein, dass in sogenannte austherapierte Menschen kein Geld mehr investiert wird.“ Das „Kosten-Stoppschild“ gehöre abgebaut, vor allem in der Politik. Süssmuth weiter: „Therapie heißt nicht nur Medikamente, wir haben vielleicht viel zu hohe Erwartungen in die Forschung und die Medizin.“ Schmerzen lindern könnten dagegen nur ganz viele kombinierte Maßnahmen wie Bewegungstherapie, Kunst- oder Musiktherapie. „Hier wünsche ich mir mehr Offenheit und Austausch: Man kann von und miteinander lernen.“

Und jetzt komme ich auf die beiden Begriffe zurück, die Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, schon im letzten Blog merken sollten. „Jeder Mensch hat das Recht“ und „gemeinsam verbessern“. Das heißt für mich: Individualisierte Therapie vor Standard. Und: Nur gemeinsam können alle Beteiligten zusammen das Beste für den Patienten erreichen. Ich weiß, dass jeder ernst zu nehmende Mediziner und Therapeut dem zustimmen wird. Aber dazu müssen wir in unserer Methodik künftig über den Tellerrand schauen. Wie das aussehen kann? Freuen Sie sich auf meine kommenden Blogbeiträge ...

Ihr Hubert Brüderlein

(Fotos: fotolia/ © Andy Ilmberger, weyo)

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